Ein Isländer bei Olympia

Isländischer Kabeljau wird von einem Familienbetrieb für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro nachhaltig gefangen.

Seit es Menschen auf Island gibt, machen sich diese die Schätze des Meeres zunutze.

Die ersten Siedler lebten von der Seefahrt. Gemeinsam mit der intakten Natur und den ergiebigen Fanggründen vor der Küste verhalf sie den Insulanern zum Wohlstand. Noch heute ist die Fischerei eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes – und eine, auf die es sehr stolz ist.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs war Island eine der reichsten und fortschrittlichsten Nationen der Welt. Allerdings musste das Land auf dem zunehmend globalisierten Markt umdenken und seine Meeresressourcen auf neue Weise und umsichtiger bewirtschaften, um sich den hart erarbeiteten Segen zu erhalten.

„Viele tapfere Männer haben ihr Leben für unseren heutigen Wohlstand geopfert.“

Pétur Hafsteinn Pálsson ist Geschäftsführer von Visir, einer familienbetriebenen Fischerei mit Verarbeitungsbetrieb in Grindavik im Südwesten Islands.

Für jemanden, der für eine der erfolgreichsten Langleinen-Flotten des Landes verantwortlich ist, gibt sich Pétur recht bescheiden.

„Eigentlich hätte ich Sighvatur heißen sollen, wie mein Großvater“, erklärt Pétur. „Aber ein sehr guter Freund meines Vaters, ein Skipper, kam im Alter von 24 Jahren beim Versuch, seine Crew zu retten, ums Leben. Also habe ich seinen Namen erhalten – Pétur Hafsteinn.

„Mein Vater hat nie viel über die damaligen Ereignisse oder seine Gefühle geredet. Vielleicht deshalb, weil er auch seinen Vater und seinen Onkel auf hoher See verlor, als er erst 12 Jahre alt war. Als ich auf der Seefahrtsschule war, traf ich zufällig Pétur Hafsteinns Sohn Kristján. Wir waren in derselben Schule gelandet, genauso wie unsere Väter.“

Ab und zu hört Pétur von Kristján. Früher hat ihm seine Großmutter immer eine Geburtstagskarte geschickt. Doch ist es die Geschichte von Péturs Großvater, Pall Jónsson, die sein Leben am stärksten geprägt hat.

Im Jahr 1930 kaufte Péturs Großvater ein Fangschiff namens Fjölnir, ein großes Langleinen-Boot zum Fang von Kabeljau und Leng. Im Zweiten Weltkrieg waren Schiffe wie seines ein Rettungsanker für die Alliierten, da sie Großbritannien mit Fisch versorgten – eine lukrative, aber ziemlich gefährliche Arbeit. 1943 konnte Pall endlich mit dem angesparten Geld ein zweites Schiff bauen, die Hilmir.

„Für die damaligen Verhältnisse waren das große Schiffe. Er muss in seinem kleinen Dorf so etwas wie ein König gewesen sein.“

Aber dann ereignete sich ein Unglück. Am 25. November 1943 ist die Hilmir auf ihrer Jungfernfahrt samt Besatzung, unter ihnen auch Péturs Großvater, spurlos verschwunden. „Niemand weiß genau, was passiert ist“, erklärt Pétur. „Aber wahrscheinlich ist das Schiff aus dem Gleichgewicht geraten, weil die Brücke mit Beton verstärkt worden war, um die Crew vor Geschossen zu schützen.“

Nur 18 Monate später wurde die Fjölnir vor der irischen Küste von einem Frachtschiff gerammt. Um keine U-Boote auf sich aufmerksam zu machen, hatte man die Lichter ausgeschaltet. Die Besatzung, darunter auch Péturs Großonkel, waren die letzten fünf Isländer, die im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen.

Heute finden sich Modelle beider Schiffe im Vorstandszimmer von Visir, eine Erinnerung an die Vergangenheit der Familie.

Aufbau eines Familienbetriebs

Péturs Schwiegersohn Johann Helgason, Betriebsleiter des Verarbeitungswerks von Visir für frischen und tiefgekühlten Fisch, hält einen Kabeljau aus dem heutigen Fang.

1956 erstand Péturs Vater Páll Pálsson im Alter von 25 Jahren sein erstes Fangschiff mit der Absicht, das Vermächtnis seines Vaters fortzuführen. 1964 sank es auf hoher See, die Besatzung überlebte. Mit dem Geld, das er von der Versicherung erhielt, erwarben Páll und seine Frau Visir – das Unternehmen, das Pétur und seine Familie bis zum heutigen Tag führen.

„Als ich meinen Vater fragte, wie es damals weiterging, sagte er einfach: ‚Wir begannen mit dem Fangen und Verarbeiten von Fisch und das machen wir bis heute.‘ Das ist alles.

Wer Salz im Blut hat, kann bekanntlich nicht anders, der fischt einfach weiter.“

Aber Péturs Familie fischt nicht nur, sondern macht noch viel mehr.

Im Jahr 2015 feierte Visir sein 50. Jubiläum. Als eine der weltweit besonders vorbildlich geführten Fischereien hat sie sich in ein rundum modernes Unternehmen verwandelt, das mit wissenschaftlichen Daten und ausgefeilter Technik arbeitet.

Die neue Fabrik von Visir produziert 500 Portionen Frischfisch pro Minute, das entspricht 15.000 bis 20.000 Fischen pro Tag. Scanner und Wasserstrahl-Schneidemaschinen sorgen dafür, dass in den zarten weißen Filets keine Gräten zurückbleiben. Anschließend werden die Portionen von den MitarbeiterInnen behutsam zugeschnitten und verpackt. Das Personal hat alle zwei Stunden eine 30-minütige Pause und genießt mittags frischen Verschnitt vom Fang des Tages.

Die Kabeljau- und Leng-Erzeugnisse von Visir (frisch, tiefgekühlt und gesalzen) gehen an Abnehmer in ganz Europa und Nordamerika. Angesichts des schieren Fangvolumens könnte man meinen, die isländischen Gewässer seien unerschöpflich, aber es gab auch schon andere Zeiten.

Der Zusammenbruch der Heringsbestände in den 1960er Jahren führte zu einer hohen Arbeitslosigkeit.

Die isländische Regierung setzte auf eine Veränderung der Wirtschaft und weniger Abhängigkeit von der Fischerei und investierte im umfangreichen Maße in andere Ressourcen, wie zum Beispiel Aluminium. Darüber hinaus verabschiedete sie das Isländische Fischereimanagement-Gesetz und führte 1983 Fangquoten für die Gewässer des Landes ein.

Die auf wissenschaftlicher Forschung beruhenden Quoten geben vor, wie viel Fisch (nach Gewicht) jedes Unternehmen fangen darf. Quoten können zwischen Unternehmen gehandelt und verkauft werden, aber das pro Jahr gefangene Gesamtvolumen darf die staatlichen Vorgaben nicht übersteigen.

Anfangs war das Quotensystem umstritten, letztendlich aber hat es zu einer profitableren, effizienteren und umweltschonenderen Fischerei geführt.

„Man kann die Fischerei auf zweierlei Arten regulieren. Erstens mit dem Faktor Zeit: Was macht man, wenn man nur einen Tag zur Verfügung hat? Man fängt an diesem Tag so viel wie möglich.

Die zweite Möglichkeit ist das zulässige Fangvolumen: Wenn man nur 10 Tonnen fangen darf, muss man komplett umdenken. Man überlegt: Mit wie wenig Sprit komme ich aus? Mit wie vielen – möglichst wenigen – Fangschiffen schaffe ich es?
Wenn sich deine Quote im nächsten Jahr nicht erhöht, der Bestand jedoch wächst, steigt auch die Fangrate und man kann mehr Fische in kürzerer Zeit fangen. Und genau das geschieht jetzt in Island.“

Pétur Hafsteinn Pálsson

Vertrauen in die Wissenschaft

Die festgelegten Quoten beruhen auf den Empfehlungen des Isländischen Meeresforschungsinstituts. Seine Wissenschaftler nehmen bei regelmäßigen Betriebsbesichtigungen, u.a. auch bei Visir, Proben von Fischen. Dabei messen sie nicht nur Größe und Gewicht der Fische, sondern entnehmen zur Altersbestimmung der Fische auch deren Otolithen (ein Otolith ist ein kleines Gehörsteinchen im Kopfinneren des Fisches, das während seines ganzen Lebens wächst).

Um das Alter der Fischbestände ermitteln zu können, werden Otolithen-Proben entnommen.

Um das Alter der Fischbestände ermitteln zu können, werden Otolithen-Proben entnommen.

Neben den von Fang- und Forschungsschiffen erfassten Daten kann man mithilfe dieser Informationen die Gesundheit der Fischpopulation untersuchen. So lässt sich bestimmen, welches Volumen gefangen werden darf, ohne dass der Bestand schrumpft.

Obwohl Fischfang und Politik in Island fast nahtlos ineinander übergehen, hält sich die Regierung bei der Festlegung der Quoten streng an den wissenschaftlichen Rat. Und während sich die Bestände erholen, hat sie das gestattete Fangvolumen langsam und besonnen erhöht.

„In den 1990er Jahren sprach man von einem guten Fang, wenn man 350 g Fische pro Haken erzielte. Vor zwei oder drei Jahren hatte sich das Gewicht auf 400–500 g pro Haken erhöht. Heute fangen wir 700–800 g Exemplare pro Haken, und an manchen Tagen sogar mehr als 1 kg.“

Sveinn Gudjonsson, Manager für gesalzene Erzeugnisse bei Visir und Péturs Schwager.

Aufgrund der ergiebigeren Fänge benötigen die Fangschiffe weniger Zeit für die Fischerei, verbrauchen weniger Treibstoff und tragen zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes.

Infolge des Quotensystems fahren Islands Fischer nicht mehr aufs Meer, um ihre Fangschiffe zu füllen, sondern fangen auf Bestellung.

Dank raffinierter Computersysteme wissen die Fabrikleiter bei Visir schon bevor das Schiff in den Hafen einläuft, wie viele Fische an Bord sind, wie groß sie sind und wie gut ihre Qualität ist.

Diese Daten werden in ein Verkaufs- und Verarbeitungsprogramm eingespeist, sodass der Fang direkt in die Verarbeitung gehen kann. Frische Filets befinden sich innerhalb von 24 Stunden nach der Anlandung in einem Flugzeug nach Europa.

Die verkauften Erzeugnisse sind mit Trackinginformationen gekennzeichnet, die eine Rückverfolgung zum Fangtag und Fangschiff ermöglichen.

„Die Fischerei ist mein Leben.“

Ólafur Óskarsson ist Kapitän der Johanna Gisladottir, dem größten Fangschiff von Visir, das nach Péturs Großmutter benannt ist. Seit seinem 17. Lebensjahr ist er Fischer, gerade ist er nach vier Tagen auf hoher See nach Grindavik zurückgekehrt. Sein Schiff ist beladen mit Kabeljau und Leng.

Der berufliche Alltag von Ólafur wird zunehmend von Spitzentechnologie bestimmt: Mehrere Computer-Bildschirme zeigen Informationen zu seinem Standort, dem Meeresboden, der Wassertemperatur und dem Wetter. Er kann auf Daten aus 15 Jahren Fangfahrten zurückgreifen und das Fanggewicht in Echtzeit abrufen. Unter Deck werfen Videoüberwachungsanlagen ein wachsames Auge auf die Geräte und die sieben Mitglieder der Crew.

Ólafur achtet beharrlich darauf, die staatlich vorgegebenen Grenzen für die nachhaltige Fischerei nicht zu überschreiten. Derzeit (Stand: Mitte April) sind Fanggebiete bis zu 12 Meilen vor der Küste geschlossen, um den Fischen das Laichen zu ermöglichen.

Er vermeidet Korallenriffe und „Unterwasser-Berge“, um Lebensräume nicht zu schädigen und damit sich die Fangschnüre nicht verheddern. Es kommt auch vor, dass ein Fanggebiet schnell gesperrt wird, wenn der Fang zahlreiche kleine Fische enthält. Aber das ist heute nur selten der Fall, da sich die Gesundheit der Bestände verbessert hat und die Fische größer sind als früher.

„Die nachhaltige Fischerei ist für uns entscheidend. Ich will auch morgen noch Fischer sein und den nächsten Generationen die Chance geben, das Ruder zu übernehmen. Die Fischerei ist unsere Existenzgrundlage, deshalb ist es wichtig, dass wir die richtigen Mengen fangen.“

Ólafur Óskarsson, Kapitän der Johanna Gisladottir
Ein brasilianisches Nationalgericht, hergestellt in Island

Zu den wichtigsten Erzeugnissen von Visir gehören gesalzener Kabeljau und Leng – auch Bacalhau genannt. Bacalhau ist eine Leibspeise in Mittelmeerländern und erfreut sich auch in Brasilien großer Beliebtheit. Die Nachfrage nach gepökelten Qualitätsprodukten, die mehrere Jahre haltbar sind, ist groß.

Für klassischen Bacalhau wird ein schmetterlingsförmiges Kabeljaufilet zunächst 24 Stunden lang in Sole eingeweicht, anschließend wird es rundum mit Salz bedeckt und man lässt es 21 Tage lang durchziehen. Dann wird es verpackt und kommt auf den Markt.

Bevor der Bacalhau gegart und gegessen werden kann, muss er vier Tage lang in frischem Wasser liegen (Verhältnis: ca. zwei Teile Wasser und ein Teil Fisch), das alle 24 Stunden erneuert werden muss.

Bacalhau isst man normalerweise an Weihnachten gemeinsam mit der ganzen Familie. Während der Hauptsaison (September bis März) verschifft Visir allein jede Woche sechs Frachtcontainer mit Bacalhau nach Spanien, Italien und Griechenland.

Bei den Sommerspielen in Rio 2016 gibt es gesalzenen Kabeljau in Form von Bolinhos de Bacalhau – Kabeljau-Kroketten, ein traditionelles Gericht in Brasilien und Portugal.

Auf Nachhaltigkeit setzen

Durch Investitionen in moderne Technik und gewissenhaftes Management konnte Islands Fischerei auf Kabeljau, Leng, Schellfisch, Hering und Seelachs die MSC-Zertifizierung erhalten.

Die Fischereibetriebe teilen sich die Kosten der Bewertung nach dem MSC-Standard über eine Genossenschaft namens Iceland Sustainable Fisheries. Alle beteiligten Unternehmen dürfen ihren Fang mit dem blauen MSC-Siegel kennzeichnen.

Das MSC-Siegel ist nicht nur Garant für die Umweltschutzbestrebungen des Landes, sondern sichert auch den Fischern heute und morgen ein Einkommen. Zertifiziert nachhaltige Erzeugnisse anbieten zu können, ist für Pétur zum entscheidenden Verkaufsfaktor geworden.

Die MSC-Zertifizierung hat isländischen Fischern neue Märkte erschlossen und maßgeblich zur Auftragsvergabe für die Lieferung von Kabeljau anlässlich der Olympischen und Paralympischen Spiele 2016 in Rio beigetragen.

Mit dem Kauf von MSC-zertifiziertem Fisch belohnen Einzelhandel und Verbraucher die isländischen Fischer für ihre Anstrengungen.

„Nachhaltige Fischerei ist auf dem Markt das wichtigste Thema.

Wenn wir unseren Fisch anbieten, hören wir heute als Erstes die Frage: „Ist Ihr Fisch nachhaltig?“

Wenn nicht, kommt kein Geschäft zustande. Wir können es uns einfach nicht leisten, keine nachhaltige Fischerei zu betreiben, denn wir beliefern Märkte, die es verlangen. Hat man sie nicht, bekommt man auch keinen Auftrag.“

Pétur Hafsteinn Pálsson

Foto: Sigridur Olafsdottir, Kontrolleurin bei Visir, verpackt MSC-zertifizierte Kabeljaufilets für den Transport nach Europa.

Neue Horizonte

Jeder Teil des von der Visir-Flotte gefangenen Kabeljaus und Lengs wird verwendet – auch die Zungen, sie kommen auf den lokalen Markt.

Gräten und Fischköpfe werden getrocknet und in Nigeria verkauft. Es gibt sogar einen Markt für die Schwimmblase, die in China als Aphrodisiakum gilt.

Unlängst hat sich Island auf neue Produktionsbereiche umgestellt und produziert nun Fischöle, die reich an Omega-3-Fettsäuren sind. Auch Visir investiert in eine neue Fabrik, um Kollagen aus Fischhaut und Enzyme aus den Innereien zu gewinnen.

Selbst Pflaster aus Fischhaut gibt es, für Menschen mit Hautallergien. All diese Produkte sind nachhaltig und dürfen das MSC-Siegel tragen.

Gerade diese neuen Technologien und Märkte werden nach Meinung von Pétur die künftige Generation in die Fischerei locken. Dank der Bemühungen der heutigen Generation sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt.

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